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15 December 2010

Wie ist denn das mit den Streiks?

Ansichten eines Danebenstehenden
 

Diese Woche geht es in Griechenland rund mit Streiks. Die ausländische Presse berichtet, dass alles still steht, Kommentatoren proklamieren mit erhobenem Finger die Lasterhaftigkeit der Streikenden. Der Kenntnisstand ist dabei wohl eher niedrig einzuschätzen. Die Presse druckt eigentlich nur Agenturmeldungen ab, die Kommentatoren käuen irgendwo gelesenes wieder. Hier war keiner von denen - ich hoffe mal, dass wenigstens die Agenturen tatsächlich jemanden vor Ort haben.

Nun, wie ist das so, am zweiten von drei Streiktagen vor Ort? Es ruckelt, so ist das. Wenn man kein Auto hat, kommt man nicht vom Fleck. Wenn man irgendwelche Behördengänge ob hätte, dann würde man die verschieben. Zeitung lesen kann man nicht. Im Radio läuft Musik. Ich persönlich gehe zu Fuss zur Arbeit, da trifft mich der Streik im öV nicht so, früher arbeitete ich an solchen Tagen von zu Hause aus. Wenn man natürlich Reisen will/muss oder wenn man etwas dringendes erledigen muss, rechtlich, medizinisch oder so... dann ist das ein grosses Problem.

Warum das ganze? Warum dieser Streik? Sollten die bösen Griechen, die so viele Schulden angesammelt haben nicht froh sein, dass ihnen "die Deutschen" / "die EU" etc. Geld zuschiessen und halt die paar "Abstriche" hinnehmen? Tjaja, die Presse erzählt eben nicht die ganze Geschichte... wie denn auch, die "ganze Geschichte" ist ja auch schwer zu überschauen. Versuchen wir mal, einen kleinen Blick darauf zu werfen...


Da wäre einmal ein durch Misswirtschaft stark überschuldetes Land. Die (Mit-)Verursacher der Misswirtschaft sitzen in der Regierung. Genauso wie in der grössten Oppositionspartei. Regierungswechsel also eher zwecklos. Da wäre auch die EU und die Deutschen, die an der Misswirtschaft bisher prima mitverdient haben. Das Pyramidenspiel der EU läuft vor allem zur indirekten Industrie-Subvention. Syndikate des organisierten Verbrechens (z.B. Siemens) schmieren schon seit Jahrzehnten mit Wissen und Hilfe der Deutschen Regierungen.

Da jedes Pyramidenspiel zusammenbricht, muss am Ende jemand die Rechnung bezahlen. Da kommt die "EU-Hilfe für die Griechen" ins Spiel. Die haben nämlich gar nicht die Griechen bekommen, sondern das ist eine Umschuldung, um die ersten Reihen im Pyramidenspiel aus der Schusslinie zu bekommen. Der schwarze Peter liegt jetzt bei den Staaten. Die aber wollen auch nicht dreinschauen, also muss ein Zahler gefunden werden, der nicht ausweichen kann.

Gestern wurde also in griechischen Parlament ein Gesetzes-Paket beschlossen. Unter anderem enthält das:

Diese Massnahmen gelten nota bene für Arbeitnehmer in der Privatwirtschaft, d.h. nicht für überbezahlte Angestellte des öffentlichen Dienstes. Deren Bezüge wurden zwar auch gekürzt, aber hier reden wir von denjenigen, die immer schon "normal" bezahlt wurden.

Diese Massnahmen stellen eine Aufkündigung des bisher schon minimalen Sozalarrangements zwischen Arbeitgebern und -nehmern dar. Dass dies von Seiten einer Regierung kommt, die sich "sozialdemokratisch" nennt und deren Präsident auch der Präsident der "Sozialistischen Internationalen" ist, kann nur als Beweis der Verlogenheit der Politiker gewertet werden. Dass diese Massnahmen auf Widerstand stossen, das sollte eigentlich niemanden erstaunen.

Was diese Massnahmen offiziell bezwecken, ist dass die Privatwirtschaft gestärkt wird. Tatsächlich aber wurde die Besteuerung der Privatwirtschaft laufend angehoben. Das Spiel geht also folgendermassen: Die Regierung erlaubt der Privatwirtschaft "mehr aus den Mitarbeitern herauszuholen", will aber von den so erreichten Gewinnen gleich den grössten Teil behalten. Es ist am Ende ein Griff des Staats in die Tasche des "kleinen Mannes" über den Umweg der Firmen.

Dadurch wird aber die Wirtschaft des Landes weiter geschwächt, denn die Kaufkraft bricht zusammen. Den Betrieben ist damit also keineswegs geholfen, Firmenschliessungen werden eher häufiger werden. Genauso wie die Erhöhung der Steuern auf Benzin zu einer Reduktion der Staatseinnahmen geführt hat, wird auch dieser Schuss hinten raus gehen.

Im Bereich des öffentlichen Dienstes gibt es weitere Gründe für Proteste, wie z.B. Privatisierungen von Staatsbetrieben, Kürzungen, Enteignung von Pensionskassengeldern, Leistungskürzungen und Preiserhöhungen. Natürlich auch Entlassungen und Lohnkürzungen im öffentlichen Dienst (ich persönlich schätze wie die meisten Griechen den öffentlichen Dienst als uneffizient und aufgeblasen ein). Streiken tut der öffentliche Dienst und der halb-öffentliche Bereich, denn in der Privatwirtschaft kann man sich das nicht so einfach leisten.

Die Misstände im öffentlichen Dienst sind sicher ein Problemfall der Überschuldung. Aber die eigentliche Quelle sind die Politiker. Die aber sind mit der Lösung des Problems beauftragt, dass sie selber sind.

Wen wundert es also, dass die Leute hier nicht mehr optimistisch sind? Dass sie nicht "dankbar" sind, gegenüber den grossherzigen Europäern, die ihnen geholfen haben? Wenn die Europäer Dankbarkeit hören wollen, sollen sie sich bei der Industrie und den Banken melden, die haben das Geld bekommen, nicht "die Griechen".

Posted by betabug at 12:36 | Comments (0) | Trackbacks (0)
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Life in Athens (Greece) for a foreigner from the other side of the mountains. And with an interest in digital life and the feeling of change in a big city. Multilingual English - German - Greek.
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