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01 April 2012

Manolis Glezos über die Schulden der Deutschen

Rede am griechischen Unabhängigkeitstag
Manolis Glezos spricht am 25. März 2012 im Rathaus in Markopoulos

Letzten Sonntag (25. März) war der griechische Unabhängigkeitstag, an dem die in der Revolution von 1821 erlangte Unabhängigkeit von der türkischen Herrschaft gefeiert wird. Ich habe schon in früheren Jahren von diesem Tag berichtet, doch so richtig war das Datum für mich nie. Dieses Jahr war anders, aus zwei Gründen. Einerseits hatte die traditionelle Parade im Zentrum von Athen einen speziellen Character angenommen (später mehr dazu), andererseits hatte uns Panos nach Markopoulos eingeladen, wo Manolis Glezos im Rathaus eine Rede hielt. Manolis Glezos ist ein lebendiger Zeuge und Held der griechischen Geschichte. Was also hatte er uns zu sagen?


Da wir leider etwas verspätet waren, bekamen wir nur den letzten Teil der Rede und dann die Publikumsfragen mit. Manolis Glezos sprach ausführlich über die Kriegskredite der Deutschen im Zweiten Weltkrieg. Als die deutsche Armee Griechenland besetzt hatte, begann die Besatzungsmacht wie überall in Europa damit, alles wertvolle und essbare nach Deutschland abzutransportieren. Unter einer vorgespielten Paragraphentreue wurde "alles über einem bestimmten Betrag" als Kriegskredit Griechenlands an Deutschland abgerechnet. Derweil verhungerten die Menschen in den Strassen. Seine Worte (aus dem Gedächtnis zitiert): "Wenn Deutschland heute lebt, dann ist das auch darum, weil Griechenland mit seinem Hunger damals dafür gesorgt hat, dass Deutsche überleben konnten."

Rückzahlung der Kriegskredite?

Nach dem Krieg bezahlte Deutschland laut Manolis Glezos zwei Raten aus diesen Kriegskrediten zurück, danach nichts mehr. Manolis Glezos hat sich ausgiebig mit diesem Thema beschäftigt und sprach und spricht immer wieder deutsche Botschafter und Regierungen auf das Thema an. Stets wird ihm ausweichend geantwortet. Auf die Frage aus dem Publikum, ob diese Forderung nicht verjährt ist oder ob sie bestritten wird, gibt er zur Antwort, dass die deutsche Regierung diese Forderungen nie offiziell abstreitet, nie behauptet, dass die griechische Seite auf die Forderungen verzichtet hat. In der Darlehensvereinbarung zu den IWF/EU-Krediten von 2011 steht auch drin, dass der Gläubiger (Griechenland) nicht das Recht hat, Forderungen aus diesen Krediten mit anderen Forderungen aufzurechnen. Nachtigall ick hör dir trappsen.

Also, wenn man mich fragen würde (tut man aber nicht), ich wäre dafür, dass die heutige deutsche Regierung als rechtsnachfolger des dritten Reichs die Kriegskredite vollumfänglich zurückzahlen muss. Ich wäre allerdings nicht dafür, dass diese zur Tilgung derjenigen griechischen Schulden genutzt werden, die illegal entstanden sind. Diese illegal entstandenen Schulden müssten weiterhin recherchiert und gestrichen werden. Die Politiker, die für diese Probleme verantwortlich sind, müssten weiterhin persönlich zur Rechenschaft gezogen werden.

Die Parade der Polizei

Zurück zum Thema der Parade am 25. März. An dieser Parade nehmen norwalerweise viele Schulklassen teil. Deren Eltern stehen dann Spalier und sehen die lieben Sprösslinge vorbeimarschieren. Dieses Jahr gab es dabei einige Probleme, denn tausende Polizisten wurden dafür eingesetzt, dass das Volk möglichst keinen Zugang zur Parade bekommt. Live-Kameras von der Parade zeigten die Tribünen der Politiker nur mit Uniformen umgeben, Zuschauer nur in weitem Abstand. Es hat mich etwas an die UdSSR oder Ostdeutschland erinnert. Menschen die zur Parade wollten, wurden massiv behindert, unter anderem wurden alte Leute von Bereitschaftspolizisten geschlagen. Ich rede hier nicht von Krawallmachern, sondern von Oma und Opa, die ihre Enkel in der Parade sehen wollten. (Oder wollten sie vielleicht mit einem Pappschild gegen den Diebstahl ihrer Renten protestieren? Das wäre natürlich höchst illegal.) Alle zentralen U-Bahn-Stationen waren geschlossen (deswegen waren wir verspätet).

Ein weiterer unschöner Punkt war, dass die Kriegsversehrten, die normalerweise die Parade anführen, nicht an der Parade teilnahmen. Von den Politikern vorgeführt zu werden, während einem hintenrum die Rente zusammengestrichen wird, das ist ja auch nicht so nett. Eine Journalistin sprach den Staatspräsidenten Karolos Papoulias darauf an. Er sah sie einfach sprachlos an und drehte sich um.

Manolis Glezos andererseits hatte ja wie berichtet etwas anderes zu tun. Bei anderer Gelegenehit hingegen hat er auch mit 89 Jahren noch an Protesten teilgenommen und wurde dafür von Polizisten direkt ins Gesicht mit Chemiewaffen besprüht. Ich habe ihm letzten Sonntag die Hand geschüttelt.

Posted by betabug at 14:42 | Comments (0) | Trackbacks (0)
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