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15 February 2015

Wie ich die Syriza-Wahl-Nacht verbracht habe

Eine unfreiwillige Reportage

Am Sonntag, 25. Januar 2015, fanden in Griechenland Parlamentswahlen statt. Ich selber verfolgte die Wahlen am Fernsehen und in persönlichen Gesprächen. Ich habe ja seit vielen Jahren keinen Fernseher mehr, aber an diesem Wahlsonntag lag ich im Spital, in einem Zweibett-Zimmer, und mein Zimmernachbar hatte einen Fernseher gemietet. Er war dort mit (fast seiner ganzen) Familie, ich war dort mit meiner Freundin. Wir unterhielten uns über alles was passierte. Unfreiwillgerweise war es eine Reportage über die Befindlichkeit Griechenlands.


Wir hatten das Glück in einem Zweibett-Zimmer zu liegen, ein paar Türen weiter lagen die Patienten zu acht auf einer Stube. Mein Nachbar konnte leider nicht als Vorzeigenummer des "faulen Griechen" herhalten. Er war zwar schon pensioniert bevor er 65 Jahre alt war, aber er hatte auch schon als Teenager angefangen zu arbeiten und Rentenbeiträge zu zahlen. Irgendwann fiel ihm ein Stapel Kartons mit Schrauben aufs Bein. Das Knie war von da an mehr oder weniger hin, das Hüftgelenk musste wieder eingerenkt werden, aber arbeiten ging Vassilis trotzdem. Jetzt lag er mit einem funkelnagelneuen, künstlichen Hüftgelenk neben mir, denn die Einrenkung hatte da scheints etwas Schaden angerichtet und dann ging es nicht mehr. Nachdem der Arzt entschieden hatte, dass die Operation nötig ist, gab es 6 Monate später plötzlich einen freien Termin für ihn. Ich hatte mir den Oberschenkel gebrochen. Mein Termin war nicht freiwillig gewählt, aber meine drei Schrauben waren sicher das einfachere Problem.

Vassilis war in Begleitung von Käthi, seiner Frau. Und hier meine ich: In ständiger Begleitung, Käthi war immer da, ausser sie ging kurz was zu essen holen. Meine Freundin war auch immer da, mit ein paar mehr Pausen, wenn sie von Freunden abgelöst wurde. Auf der Station mit 25 Patienten gibt es eine Schwester. Wenn du da Nachts eine Bettflasche brauchst, kann es sehr lange dauern. Du brauchst jemanden, der sich um dich kümmert. Die Schwester war natürlich da, wenn es wirklich zur Sache ging, Tropf auswechseln, Blutprobe, und so weiter. Aber alles andere, da brauchst du eine Begleitperson. Also waren wir zu viert. Die Begleitpersonen schliefen auf den Besucherstühlen. Mir tat das Bein weh, aber ich war froh, dass nicht ich auf den Stühlen schlief.

Das Personal im Spital war sehr kompetent und motiviert. Aber zum Teil halt auch sehr am Anschlag. Gerade in der ersten Nacht nach der Operation, in der Chirurgie-Nachbetreuung war die Schwester die ganze Nacht am rennen. Die Details mag ich grad nicht aufschreiben, aber man kann sich das vorstellen.

Die Schichtpläne haben mir auch nicht ganz eingeleuchtet (einen Abend bis 11 Uhr Nachts und dann am nächsten Morgen wieder ab 7), aber sie meinten, dass das an anderen Tagen wieder kompensiert wird. Das Putz-Personal und die Küchenleute sind "outsourced". Sie verdienen 450 Euro im Monat. Gerade die Küchenmannschaft war sehr freundlich. Essen... naja, ich habe es sportlich genommen alles zu essen was mir da gebracht wurde. Nur zweimal musste ich passen, da hatten sie statt Vanille-Crème aus Versehen Gips-Paste ins Schüsselchen getan. Die Krankenschwestern haben wir nicht gefragt, was sie verdienen. Ich persönlich wünsche ihnen, dass sie sehr gut verdienen, durchaus auch gerne viel mehr als ich.

Ein Grund für die Zustände sind ganz sicher die von der Troika verordneten Kürzungen im Gesundheitswesen. Denn wenn man Milliarden rausgehauen hat für zweifelhafte Grossprojekte, ist es sicher der beste Weg an Spitälern und Schulen zu sparen, das leuchtet ein. Als dann 2012 "Griechenland gerettet wurde" (in Wahrheit die deutschen und französischen Banken gerettet wurden), zwang der damalige Finanzminister Venizelos die Renten- und Krankenkassen all ihr Geld in Staatsanleihen zu stecken, die genau 24 Stunden später entwertet wurden. Seitdem sind die griechischen Renten- und Krankenkassen endgültig Pleite. Vassilis' Rente wurde um gut 40% gekürzt.

Also am Wahl-Sonntag hatte Vassilis Familienbesuch. Seine beiden Töchter, Onkel, Tanten, ein paar Freunde. Die eine Tochter arbeitet in einer grossen Supermarkt-Kette beim Käse und bekommt nach ein paar Jahren Firmenzugehörigkeit inzwischen auch fast soviel Lohn, wie als sie vor der Krise dort angefangen hat. Die andere Tochter hat noch nie eine Arbeit finden können - irgendwie muss die Jugendarbeitslosigkeit von 50% sich ja statistisch ausdrücken.

Tagsüber brachte die Glotze erstmal "Fensterchen", auf Englisch heisst das "talking heads". Bildschirme mit Leuten die reden. Wissen tun sie alle noch nichts, aber hauptsache es labert. Dann kamen die Bilder von Politikern, die wählen gingen. Hier waren die Kommentare allgemein nach dem Muster "was, den gibts noch?", "dass der noch wählen darf!" und ähnliches.

Inzwischen fanden wir heraus, was unsere Zimmernachbarn in all den Jahren so gewählt hatten, was sie über die verschiedenen Politiker dachten, welche Hoffnungen sie hatten - oder eher nicht hatten. Wie wir auch, waren Sie im Frühling 2011 auf der Strasse, als das Volk über Monate den Syntagma-Platz im Zentrum Athens besetzt hatte. Wie wir auch, waren sie von der Polizei gejagt und mit Tränengas eingedeckt worden.

Wir wussten alle, dass SYRIZA die Wahl gewinnen würde. Schon bei der letzten Wahl hatte wenig gefehlt. Was offen war, war ob es für die absolute Mehrheit reichen würde. Nachdem ich in den Tagen davor, von einigen sehr unwahrscheinlichen Leuten gehört hatte, dass sie SYRIZA wählen würden, rechnete ich fast damit, dass es zur absoluten Mehrheit reichen würde. Die offiziellen Umfragen zeigten jedoch ein anderes Bild. Hinter diesen Umfragen steht die Presse, und die ist über verschiedene Grossunternehmer direkt mit den "alten" Grossparteien verbunden.

Dann kamen die ersten Exit-Polls. Wir guckten uns gegenseitig an, das war schon einiges mehr als erwartet. Niemand im Raum war gross am Jubeln, aber alle freuten sich. Es bedeutete erst einmal, dass die alten Verbrecher nicht mehr in der Regierung sind. Die Hoffnungen in die neue Regierung waren niedrig. Als dann die ersten Auszählungen eintrafen, wurde das Grinsen im Raum breiter. Zur absoluten Mehrheit reichte es nicht, aber schon am nächsten Tag war die Koalition mit ANEL (den "unabhängigen Griechen") da. Ich persönlich finde das gut, denn der konservative Koalitionspartner gibt den konservativeren Mitbürgern eine Mitsprache, und kann gerade beim Militär auch gut mitreden.

In der europäischen Presse liest man über Herrn Kammenos und ANEL immer so Sachen wie "Spinner" und Rechtspopulisten. Das ist Quatsch. Herr Kammenos war ehemals bei der Nea Dimokratia - dort haben ihn die gleichen Journalisten nie als sowas bezeichnet. Er ist aber dort ausgestiegen, weil er im Parlament nicht bereit war für das Programm der Troika stimmen zu stimmen. Eine seiner ersten Aussagen als Verteidigungs-Minister war, dass alle Akten über frühere Waffenkäufe geöffnet und überprüft werden. Ich glaube, da liegt der Hase im Pfeffer, im Umkreis der deutschen Waffenindustrie werden wohl grad die Verkaufszahlen für Windeln angekurbelt. Da will man schon mal vorsorglich den Gegner verunglimpfen.

Nach einem langen Tag mit viel Fernseh-Glotzen, war ich nudelfertig. Ich versuchte zu schlafen, so gut es ging. Es war schwierig eine Position zu finden für mein Bein, das überheizte Zimmer und der Lärm des Spitals halfen nicht. Doch auch diese Nacht ging vorbei und am nächsten Tag wachten wir in einem Land auf, dass zumindest versuchte, etwas für seine Bürger zu tun. Vielleicht kommt irgendwann auch etwas davon im Gesundheitswesen an.

Posted by betabug at 09:25 | Comments (1) | Trackbacks (0)
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Re: Wie ich die Syriza-Wahl-Nacht verbracht habe

Hallo Sascha,

ich muß gestehen, daß ich Deine "Wahlanalyse" schon vemißt habe. Dafür jetzt dieser - abgesehen von dem privaten Anlaß - wundervolle Bericht, prall aus dem Leben.
Ein gaanz dickes BRAVO dafür!
Dem "Bein" und der "Hüfte" weiterhin gute Genesung!

Herzliche Grüße an Dich und Deine unbezahlte Pflegerin,
von den zwei Jungs vorm bike-workshop,
Veit&&Georg

Posted by: Veit&Georg HAM at February 16,2015 10:34
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