Globalisiere mich!
Kurz vor der Eröffnung der olympischen Sommerspiele in Athen 2004 eröffnete der schwedische Möbelhandels-Gigant IKEA eine Filiale in Athen. Im Nordosten Athens, gleich beim ebenfalls recht neuen Flughafen, ist der Schraubfassadenbau ein Sinnbild des neuen, globalisierten Griechenlands. Am Samstag machte ich mich zur Besichtigung auf...
Mit der Metro (auch so ein neues Symbol) ging es zum Sintagma-Platz. Von dort aus weiter mit dem Flughafen-Bus, der Fahrtpreis wird von meiner ÖV-Monatskarte abgedeckt, normalerweise werden 3.40 Euro fällig (gleichviel wie von oder zum Flughafen, das Ticket kann zur Weiterfahrt auf dem ÖV-Netz benutzt werden). Wir hatten den Busfahrer gebeten, uns zu sagen, wo wir aussteigen müssen und mit uns stiegen an der Haltestelle "Κεντρική Διοίκηση" (Kentriki Diikisi) schliesslich fünf weitere Fahrgäste aus. Das bereitete mich nicht auf den Anblick vor, der uns nach 3 Minuten Spaziergang am Eingang erwartete: Der Parkplatz war voll bis obenhin, es strömte ein Volk zusammen "als würden Sesamkringel verteilt" (wie man auf Griechisch sagt, was etwa "als gäbe es Freibier" auf Deutsch entspricht). Samstag halt.
Voll
Rauf ging es in die Möbelausstellung im oberen Stock und dort im dichten Gedränge einmal rundrum. Volksfestmässig ging es da zu und her. Häufigst gestellte Frage: "Was ist das?" Denn der Sinn so mancher schwedischer Design-Kreation scheint am Mittelmeer nicht sofort erkennbar zu sein. Was immer ich anfasste, sofort wollten drei weitere Kunden wissen, was ich da gefunden hatte.
Nur auf Griechisch
Und die Globalisierung im Kleinen? Der Inhalt des Ladens ist 100% auf IKEA-Linie, da weicht garantiert nix vom Konzern-Standard ab, um lokalen Gegebenheiten angepasst zu werden. Bis auf ein "Detail": Alle Informationen (alle!) sind nur auf Griechisch vorhanden. Und hier meine ich wirklich ausschliesslich, nicht mal ein "No smoking"-Schild auf Englisch, kein Etikett, kein Produktschild. Wenn also ein IKEA-gewohnter Teutone hier die Möbel für sein Ferienhäuschen kaufen will, dann wird er zwar die Möbel vom Namen er erkennen, aber die Beschreibungen nicht verstehen. Andererseits haben die Angestellten kleine Fähnchen auf den Namens-Schildern, die wohl die Sprachkenntnisse wiederspiegeln.
Der griechische Markt
Beim schwedischen Möbelhändler finder der griechische Kunde sicher ein Organisationsniveau wie sonst selten auf dem griechischen Markt. Traditionelle griechische Möbelläden sind klein, wirkliche "Läden" mit vielleicht 200m2 Ausstellungsfläche. Erst in den letzten 10-20 Jahren gibt es grössere Händler, doch auch diese nicht auf dem m2-Niveau der grossen europäischen Anbieter.
Beim Preisniveau hat der griechische Kunde allerdings auch einen anderen Vergleichspunkt zu IKEA. Aufgrund des sehr niedrigen Lohnniveaus sind die Preise nicht immer wirklich günstig. Bei Billigmöbeln und Küchenutensilien lohnt sich der Vergleich mit den Angeboten der "γύφτους" (giftous, Zigeunerhändlern) und Wochenmärkte.
Polizei vor der Tür
Eine weitere gesellschaftliche Entwicklung, die ich bei diesem Besuch beobachten konnte: Im Eingangsbereich standen einige in schwarz gehüllte Security-Typen. Vor dem Eingang wie spiegelbildlich dazu hingen ein halbes Dutzend Polizisten rum. Die griechische Regierung hat vor kurzem die Ladenöffnungszeiten freigegeben. Und bei vielen Kaufhäusern hat es Proteste und Blockaden der Gewerkschaften gegeben. Die habe ich dann abends im Fernsehen angeschaut, so weit draussen am Flughafen war wohl niemand von den Gewerkschaften. Oder sind die vollglobalisierten IKEA-Mitarbeiter selber ganz auf der Linie der freien Ladenöffnungszeiten im freien Markt?