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29 January 2005

Leben in der Science Fiction

Halbvergessene Gespräche über die Zukunft

Werden wir nie in einer der Phantasiewelten aus SciFi-Filmen leben? Unsere Technik ist weit, weit fortgeschritten. Doch wir leben immer noch in unserem normalen Alltag. Unsere Technologie ist langsam in unseren Alltag hineingewachsen und lange nicht so perfekt wie in einem ganz normalen SciFi-Streifen. Darum ist es unsere Welt und keine der Zukunft. Oder? Ich bin der Meinung, dass ich in Athen in einer Science Fiction Welt angekommen bin...


An manchen Abenden kommen halbvergessene Gesprächfetzen in Erinnerung. Zum Beispiel aus einem Gespräch mit Fisti eines Nachts in Zürich. Ausgelöst durch einige Filme (Matrix? Avalon?) kamen wir auf das Thema Science Fiction zu sprechen. Soweit ich mich erinnere, meinte Fisti, dass wir nie in einer der Science Fiction Welten leben würden. Nie würde die Technologie soweit vorwärts kommen, dass wir in einer der Phantasiewelten leben würden.

Damals und heute bin ich anderer Meinung. Die uns umgebende Technologie ist bereits weit über alles raus fortgeschritten, was wir uns vor 25 Jahren vorgestellt haben. Wir leben in der Welt der Science Fiction, wir erkennen sie nur nicht als eine Welt aus den SciFi-Filmen. Das wir nicht in einer Filmwelt leben hat zwei Gründe:

Der Fortschritt der Technologie geht trotz aller Geschwindigkeit evolutionär vorwärts. Ich bin nicht direkt von der Schreibmaschine zu meinem Powerbook übergegangen (auf dem ich jetzt diesen Text schreibe, gleichzeitig einen Test-Webserver laufen habe und Matrix als DVD schaue). Zuerst habe ich mich an Taschenrechner gewöhnen können, dann an programmierbare Taschenrechner, dann an Homecomputer, dann an schnellere, fähigere Rechner mit komplexeren Systemen.

Der andere Grund ist natürlich, dass unsere Welt nie eine Filmwelt sein wird. Dadurch dass wir Menschen nicht perfekt sind, passen wir die Technik an unsere Imperfektion an. In Filmen sind Maschinen perfekt, ausser dort wo sie für den Plott die passende Panne haben müssen. Pannen, unbequeme Handhabung und miese Qualität machen die Welt realistisch, machen sie menschlich. Das entspricht den alten "billig" Sci Fi Fernsehserien wie "Flash Gordon". Weil alle Effekte billig aussehen und einordbar sind, erkennen wir, dass die Dinge die wir sehen menschlich sind, von dieser Welt ("das ist eine Blechdose, das ein Chamäleon statt eines Dinosauriers"). Ein Mobiltelefon, dass Pannen hat, schlechten Empfang, das mit Prepaid-Karten gefüttert werden muss, so ein Mobiltelefon kommt nicht aus einem SciFi-Film, sondern aus der Reality Show unseres Lebens.

Warum bin ich trotzdem der Meinung, dass wir in der Science Fiction leben? Weil wir die Dinge tun, die in die Welt der Science Fiction gehören, der Zukunft der Technologie, hier und jetzt. Wir sind über mobiles Telefon erreichbar, übertragen Sprache, Texte, und manchmal (wenn alles klappt und es nicht zu teuer kommt) auch Bilder und Videos. Wir kommunizieren durch weltweite Netze, benutzen komplexe Cryptographie. Einige von uns rendern täglich 3D-Simulationen von Gegenständen, Räumen und Welten. Autos haben Bordcomputer, die von Mechanikern via Dateninterface gewartet werden. Unsere Getränke und Speisen sind chemisch, physisch und genetisch manipuliert und aufbereitet.

Was uns noch fehlt, ist die Phantasie-Seite dieser Welt. Die "Fiction" in der Science Fiction hier und jetzt. Aber die Welt steht nicht in einem Buch, wurde nicht für einen Bildschirm geschrieben. Die "Reality Shows" im Fernsehen, die hier in Griechenland so ein Erfolg sind, könnte man auch als Versuch verstehen, unser Leben als Fiktion aufzuwerten. Wenn Leben wie unsere (oder "etwas bessere, etwas bekanntere") wert sind, im Fernsehen gezeigt zu werden, dann ist unser Alltag vielleicht gleich gut, wie die Fiktionen aus den Film- und Fernseh-Fabriken.

Ich ziehe es vor, die Science Fiction ungeschminkt und direkt zu leben. Ich gehe auf den Victoria-Platz und benutze dort ein Kartentelefon mit LCD-Display und Chipkarte. Dabei sehe ich, was hinter den Kulissen passiert, das mein Gespräch über digitale Leitungen, Richtfunk, Satelliten übertragen wird. Ich chatte, geschützt durch starke Cryptographie, über Funknetzwerk und Internet mit Freunden in Belgien, Österreich, Portugal und Mexiko. Offene Augen machen diese Dinge speziell. Athen ist für mich eine Science Fiction Welt. Das kommt einerseits daher, dass ich ein Aussenseiter bin, einer von Aussen, der alle Signale (Sprache, Schrift, Schilder, Filme, selbst Körpersprache) immer noch übersetzen muss. Andererseits ist hier der Umgang mit der Technik sehr direkt, selbst der Opa im Kafeneion hat ein Handy. Athen ist Science Fiction für mich, aber mehr Neuromancer als Star Wars.

Posted by betabug at 16:29 | Comments (3) | Trackbacks (0)
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Life in Athens (Greece) for a foreigner from the other side of the mountains. And with an interest in digital life and the feeling of change in a big city. Multilingual English - German - Greek.
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Comments
Re: Leben in der Science Fiction

Hallo Sascha

Deine Betrachtungen über das "Leben in der Science Fiction" kann ich in vielen Teilen nachvollziehen und Deine Begeisterung auch teilen... aber wir sollten nie vergessen uns zu fragen, ob das was wir sehen die Wirklichkeit ist?
Unsere heute gängige Technik die Du ansprichst ist letztendlich nur ein unvollkommenes Abbild einer utopischen Welt, wie sie dereinst einmal sein könnte, sollte sich die Menschheit nicht noch mit eben dieser Technik vorher vernichten...
Was ich damit meine, ist dass selbst die perfektesten SF-Filme uns lediglich Schatten welche die wirkliche Welt auf unsere Höhlenwand wirft zeigen können...

Du lebst jetzt in Griechenland, einer Gegend wo es einst nur so von Philosophen und Denkern wimmelte - schon Sokrates dozierte, dass wir in einer Fiction leben und konnte das auch trefflich darstellen... ich hoffe, dass dieser Beitrag längenmässig nicht ungebührlich ist... aber die Aussage Sokrates' passt meiner Ansicht nach gut zu Deiner beinahe philosophischen Betrachtung zu "Halbvergessene Gespräche über die Zukunft"
;)

Zu Beginn des siebenten Buchs der Politeia führt Sokrates mit Glaukon, Platons älterem Bruder, folgenden Dialog:

„Und jetzt will ich dir ein Gleichnis für uns Menschen sagen, wenn wir wahrhaft erzogen sind und wenn wir es nicht sind. Denke dir, es lebten Menschen in einer Art unterirdischer Höhle, und längs der ganzen Höhle zöge sich eine breite Öffnung hin, die zum Licht hinaufführt. In dieser Höhle wären sie von Kindheit an gewesen und hätten Fesseln an den Schenkeln und am Halse, so daß sie sich nicht von der Stelle rühren könnten und beständig geradeaus schauen müßten. Oben in der Ferne sei ein Feuer, und das gäbe ihnen von hinten Licht. Zwischen dem Feuer aber und diesen Gefesselten führe oben ein Weg entlang. Denke dir, dieser Weg hätte an seiner Seite eine Mauer, ähnlich wie ein Gerüst, das die Gaukler vor sich, den Zuschauern gegenüber, zu errichten pflegen, um darauf ihre Kunststücke vorzuführen.“

„Ja, ich denke es mir so.“

„Weiter denke dir, es trügen Leute an dieser Mauer vorüber, aber so, daß es über sie hinwegragt, allerhand Geräte, auch Bildsäulen von Menschen und Tieren aus Stein und aus Holz und überhaupt Erzeugnisse menschlicher Arbeit. Einige dieser Leute werden sich dabei vermutlich unterhalten, andere werden nichts sagen.“

„Welch seltsames Gleichnis! Welch seltsame Gefangene!“

„Sie gleichen uns! – Haben nun diese Gefangenen wohl von sich selber und voneinander etwas anderes gesehen als ihre Schatten, die das Feuer auf die Wand der Höhle wirft, der sie gegenübersitzen?“

„Wie sollten sie! Sie können ja ihr Leben lang nicht den Kopf drehen!“

„Ferner: von den Gegenständen, die oben vorübergetragen werden? Doch ebenfalls nur ihre Schatten?“

„Zweifellos.“

„Und wenn sie miteinander sprechen können, so werden sie in der Regel doch wohl von diesen Schatten reden, die da auf ihrer Wand vorübergehen.“

„Unbedingt.“

„Und wenn ihr Gefängnis auch ein Echo von der Wand zurückwirft, sobald ein Vorübergehender spricht, so werden sie gewiß nichts anderes für den Sprecher halten als den vorüberkommenden Schatten.“

„Entschieden nicht.“

„Überhaupt, sie werden nicht anderes für wirklich halten als diese Schatten von Gegenständen menschlicher Arbeit.“

„Ja, ganz unbedingt.“

„Nun denke dir, wie ihnen ergeht, wenn sie frei werden, die Fesseln abstreifen und von der Unwissenheit geheilt werden. Es kann doch nicht anders als so. Wenn einer losgemacht wird, sofort aufstehen muß, den Hals wenden, vorwärts schreiten und hinauf nach dem Licht schauen muß – das alles aber verursacht ihm natürlich Schmerzen, und das Licht blendet ihn so, dass er die Gegenstände, deren Schatten er bis dahin sah, nicht erkennen kann -, was wird er dann wohl sagen, wenn man ihm erklärt: bis dahin habe er nur eitlen Tand gesehen; jetzt sei er der Wahrheit viel näher und sähe besser; denn die Gegenstände hätten höhere Wirklichkeit, denen er jetzt zugewendet sei! Und weiter, wenn man auf die einzelnen Gegenstände hinzeigt und ihn fragt, was sie bedeuteten. Er würde doch keine einzige Antwort geben können und würde glauben, was er bis dahin gesehen, hätte mehr Wirklichkeit, als was man ihm jetzt zeigt.“

„Weit mehr.“

„Und zwingt man ihn, das Licht selber anzusehen, so schmerzen ihn doch die Augen. Er wird sich umkehren, wird zu den alten Schatten eilen, die er noch ansehen kann, und wird sie für heller halten als das, was man ihm zeigt.“

„Ja, das wird er tun.“

„Und zieht man ihn gar den rauen steilen Ausgang mit Gewalt hinauf und läßt nicht mehr ab, bis man ihn hervor ins Sonnenlicht gezogen hat, so steht er doch Qualen aus, wehrt sich unwillig, und ist er oben im Licht, so hat er de Augen voller Glanz und kann kein einziges von den Dingen sehen, die wir wirklich nennen.“

„Nein, wenn es plötzlich geschieht, nicht.“

„Er muß sich an das Licht gewöhnen, wenn er die Gegenstände oben sehen will. Zuerst wird er wohl am besten die Schatten erkennen, später die Spiegelungen von Menschen und anderen Gegenständen im Wasser, dann sie selber. Weiter wird er die Himmelskörper sehen und den Himmel selber, und zwar besser bei Nacht die Sterne und den Monde als bei Tage die Sonne und ihre Strahlen.“

„Freilich.“

„Schließlich wird er in die Sonne selber sehen können, also nicht bloß ihre Spiegelbilder im Wasser und anderswo hier unter erblicken, sondern sie selber obenan ihrem Ort. Er wird ihr Wesen begreifen.“

„Unbedingt.“

„Und dann vermag er den Schluß ziehen, daß sie es ist, die Jahreszeiten und Jahre hervorbringt, die über die ganze sichtbare Welt waltet und von der im gewissen Sinne alles, was man sieht ausgeht.“

„Es ist klar, daß er hierhin zuletzt gelangt.“

„Nun weiter! Wenn er jetzt an die alte Wohnung zurückdenkt und an die dortige Weisheit und an seine Mitgefangenen, so preist er sich doch glücklich über den Wechsel und bedauert jene.“

„Gewiß.“

„Und wie denkt er über die Ehrungen und Lobsprüche und Geschenke, die man da unter von einander erhielt? Nämlich dann, wenn einer die vorbeikommenden Schatten recht genau erkannte und sich am besten einprägte, welche zuerst, welcher nachher und welche zu gleicher Zeit zu erscheinen pflegten, wodurch er denn die in Aussicht stehenden gut erraten konnte. Wird es ihn danach verlangen? Wird er die Leute beneiden, die unten in Ansehen stehen und die Macht in Händen haben? Oder wird es ihm so ergehen wie es bei Homer steht? Das heißt wird er weit lieber Ackerknecht bei einem armen Manne sein und alles aushalten wollen, als jenen Wahn teilen und jenes Leben führen?“
„Ja, ich glaube, er erträgt lieber alles, als daß er jenes Leben führt.“

„Denke dir nun auch dies: er stiege wieder hinunter und setzte sich auf seinen alten Platz. Wird er nicht die Augen voller Finsternis haben, wenn er so plötzlich aus der Sonne kommt?“

„Ganz und gar.“

„Und während seine Augen also noch stumpf sind und hin und her irren, müsste er um die Wette mit den dauernd Gefangenen wieder jene Schatten zu erkennen suchen. Nehmen wir nun noch die Zeit, bis er sich an das Dunkel gewöhnt hat, nicht ganz kurz an, so wird man ihn doch auslachen und sagen, er käme von seinem Aufstieg mit schlechten Augen zurück. Es lohne sich nicht, den Versuch zum Aufstieg zu machen. Wer aber andere freimachen und hinausführen will, den wird man töten, wenn man seiner habhaft wird und ihn töten kann“ (Politeia, 514 a- 517 a)


Herzliche Grüsse
Walter Ruosch

Erinnerst Du Dich noch? es ist bereits einige Jahre her, seit wir am LT-Ostschweiz zusammensassen und philosophierten - damals allerdings über Macs und Ihre Eigenart Compis ein wenig menschlicher erscheinen zu lassen...
:))

Posted by: Walter ruosch at December 27,2006 22:00
Re: Leben in der Science Fiction

Hallo Walter!

Ob ich mich erinnere? Ja klar! Ist ja sogar aktenkundig :-). Schön von Dir zu hören!

Den Sokrates kennen wir hier natürlich schon, keine Frage...

Posted by: betabug at December 28,2006 15:45
Re: Leben in der Science Fiction

Uups... auf Deiner Biofestplatte geht offensichtlich kein Bit verloren... toll! dass Du Dich so genau erinnerst hätte ich nicht erwartet!
;)
aber Du hast Dich ja oft unter den Macjüngern der Ostschweiz getummelt:-)

Ich wünsche Dir lieber Sascha einen guten Jahreswechsel und im 2007 viele Fiktionen mit hohem Realisierungpotenzial...



Posted by: Walter ruosch at December 29,2006 02:19
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