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08 December 2008

Betreffend Krawalle in Griechenland

Brandgeruch und Tränengas überall

Die Medien ausserhalb Griechenlands berichten allerseits über die Krawalle der letzten Tage hier und den von einem Polizisten erschossenen Jugendlichen. Ich selber habe natürlich keine Informationen aus erster Hand, denn ich werde ganz sicher nicht losziehen, um mir die Krawalle anzuschauen. Eine Freundin von mir war allerdings zum Zeitpunkt der tödlichen Schüsse ca. 50 Meter vom Tatort entfernt - natürlich ohne etwas direkt mitzubekommen.

Was ich zu den Berichten der deutschsprachigen Presse beitragen kann sind einerseits ein paar Hintergrundinformationen, andererseits einiges, was hier in den Medien gezeigt wurde aber in den Agenturmeldungen nicht auftauchte.


Der Jugendliche der erschossen wurde und die Gruppe seiner Kollegen gehören laut Augenzeugenaussagen (am griechischen TV gezeigt) nicht den "Autonomen" an. Es war nach dieser Aussage einfach nur eine Gruppe Jugendlicher, die im Ausgang war und die Polizisten verspottet haben. Nach einigen Beschimpfungen die hin- und her gingen wurden Plasticflaschen auf die Polizisten geworfen.

Laut Pressetext teilten die Polizisten der Zentrale mit, dass sie von "Autonomen" angegriffen wurden. Sie warteten dann aber nicht die Befehle der Zentrale ab (die - meiner Einschätzung nach - in der betreffenden Gegend den sofortigen Abzug angeordnet hätte), sondern verliessen ihren Streifenwagen. Einer der Polizisten warf eine Blendgranate, der andere zog seine Pistole. Laut Aussage des Schützen zielte er "zweimal in die Luft, einmal nach unten".

Der am TV gezeigte Augenzeuge berichtete, dass der Polizist dreimal direkt auf die Jugendlichen geschossen hat, auf kurze Distanz (andere Seite der Kreuzung).

Der betreffende Polizist fährt schon seit Jahren in dem Quartier Streife, sein jüngerer Kollege war das erste Mal mit ihm unterwegs.

Vertreter aller Parteien (ausser der regierenden ND) sagten fast gleichlautend aus, dass mit der zunehmenden Gewaltbereitschaft der Polizei ein solches Ereignis nur eine Frage der Zeit war.

Die Athener Innenstadt roch am Sonntag fast überall nach Brand und Tränengas. Viele Strassen waren noch länger gesperrt. Das Mass der Ausschreitungen dürfte auch damit zusammenhängen, dass bei bisherigen Verfehlungen von Polizisten diese jeweils mit einem freundlichen Klaps auf die Hand bestraft wurden. Daher auch die Aussage des Innenministers, dass die Täter "exemplarisch bestraft werden, sollte eine Schuld erwiesen werden".

Zum Hintergrund: Das Quartier Exarchia

Das Quartier Εξάρχεια (Exarchia) in dem die tragische Tat geschah, hat einen speziellen Status. Es ist die Basis der "Anarchisten" oder "Autonomen". Als solches sind seine "Grenzen" auch zu normalen Zeiten oft von Spezialpolizei mit Schildern und Schlagstöcken besetzt. Normalerweise begeben sich einzelne Polizisten nicht in dieses Quartier, da die anarchistischen Gruppen das als Affront betrachten. Eine Ausnahme bildet die Strasse Harilaou Trikoupi, in der sich z.B. das Büro der Partei PASOK befindet, das ständig von einem Mannschaftswagen der Polizei beschützt wird (seit mehr als 20 Jahren). Das ist genau die Strasse, die der Streifenwagen durchquerte.

Viele Vollkasko-Versicherungen für Autos haben eine spezielle Klausel, die die Haftung für Schäden am Auto ablehnt, falls das Auto in Exarcheia parkiert war.

Nachbarschaftshilfe und Selbstkontrolle funktionieren in Exarcheia noch relativ gut. Das Quartier ist bekannt für seine Künstler, es ist ein Zentrum der graphischen Branche. Es gibt dort viele Cafés, Bars und Restaurants, die florieren weil es keine mafiösen Strukturen gibt, die Schutzgelder erpressen. Die Anarchisten wollen keine Polizei und lösen solche Probleme deshalb selber. Durch dieses "wirtschaftsfreundliche" Umfeld ist es auch ein beliebtes Ziel, um Abends oder Nachmittags auszugehen. Ich gehe dort recht häufig essen.

Posted by betabug at 10:03 | Comments (0) | Trackbacks (0)
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Life in Athens (Greece) for a foreigner from the other side of the mountains. And with an interest in digital life and the feeling of change in a big city. Multilingual English - German - Greek.
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